31.5.05

Wind in der Bibliothek von Greifswald

Ich sitze in der gläsernen Bibliothek bei geöffnetem Fenster – ein Lamellensystem davor, damit ich keine Bücher nach draußen befördern kann, vermute ich – und höre das Rauschen der Bäume: Mächtige Kastanien, Pappeln, Buchen, Weiden. Der Wind schwingt sich zu einem Heulen auf immer wieder, die frischen Blätter funkeln im Licht der Sonne, sie grünen matt im Schatten der Wolken ... matt leider auch mein Kopf, der sich hier mit neuem Wissen füllen sollte eigentlich.
Fast hätten sie mich nicht reingelassen mit meinem Laptop, weil die Laptop-Tasche zu modern war, so dass sie geneigt waren, sie nicht als Laptoptasche anzuerkennen, weil normalerweise Laptoptaschen schwarz und hässlich zu sein haben, aber sie, diese Vestalinnen der Bücher, rangen sich dann doch dazu durch, die Tasche trotz ihres nichtlaptoptaschenmäßigen Designs als Laptoptasche anzuerkennen, aber betreten durfte ich die Heiligen Hallen erst, nachdem ich eine Kaution von 20 Euro hinterlegt hatte, das einzige, was noch in meinem nun leeren Beutel gewesen war, an und für sich wären es nur 5 gewesen, aber Geld zum Rausgeben hatten sie nicht, jedenfalls dafür bekam ich ein Vorhängeschloss, mit dessen Hilfe ich meine Jacke eine Etage tiefer in einem verschämt verborgenen Spindlabyrinth einschließen konnte, gleich neben den Toiletten, danach wieder die Treppen hoch, um den edlen gläsernen Bereich zu betreten, Etage um Etage wie freischwebend, Passerellen, gläserne Aufzüge – und das Flüstern und Raunen der Bibliotheksbesucher.
Doch ich hatte Glück, nach Abgabe meiner Bibliothekskarte bekam ich noch den Schlüssel zu einer stillen Einzelkabine (mit Blick aufs Arboretum). Als wär’s ein Schiff, das vor Anker liegt. Ein grüngläsernes Schiff, vollgefüllt mit Büchern und Müdigkeit.
Statt zu arbeiten höre ich dem Rauschen zu und der mir unverständlichen Botschaft des Ostseewindes. Vielleicht sind’s auch die Flügel der Schlafengel, die so rauschen ... die so lockennnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnn
nnnnnnnnnnnnnnnnnn
..... gepostet stunden später ....

30.5.05

Greifswald so gut wie tot

Der Marktplatz ist übersät mit Kreuzen. An der Rathauswand ein weißes Transparent: Greifswald so gut wie tot. Außer wir sagen: nein Danke. Oder so ähnlich. Grauer Himmel, Nieselregen, es ist zum Erbarmen. Die meisten Holzkreuze liegen auf dem Boden, einige werden von Studenten gehalten. Laute Musik dringt aus einem Lautsprecher, soll sie anfeuern? Es sind nicht viele zum Anfeuern da, von den ca. 11000 Studenten sind vielleicht 50 erschienen, sie bitten die PassantInnen, auch mich, doch bitte bitte auch ein Kreuz zu tragen und sich dazu zu stellen. Vielleicht ist es das Kreuz, das Leidenssymbol - und haben sie's so gemeint? nein eher, als Todessymbol, da liegt vielleicht der Hund begraben, sie hätten ein eindeutigeres Symbol wählen sollen - Symbol also, das viele so unwillig macht, vielleicht der Regen, vielleicht die Gleichgültigkeit und alles macht mich wütend.
Wo sind sie, die 11000? Wo sind die Dozenten? Wo die Profs?
Sparmaßnahmen hat die Regierung angekündigt, ganze Institute sollen geschlossen werden. Und wen trifft's: die Geisteswissenschaften. Zuerst. Und dann die ganze Stadt. Um die Stadt herum leere Landstriche, Arbeitslosigkeit, jetzt schon. Falls ein Teil der Uni wegfällt, in der Tat: Greifswald so gut wie tot.

Am Schluss steht ein einziger Student auf dem Platz und hält sein Kreuz. Umgeben von unzähligen selbst gezimmerten Holzkreuzen, die auf dem Boden liegen. Besprüht vom Nieselregen, der letzte Kämpfer unter grauem Himmel. Ein unvergessliches Bild.

So wird es sein, denke ich, wenn es so weiter geht mit dem Sparen. Ich spreche mit dem Letzten, der das Kreuz trägt, er sagt, er hält die Stellung, während die andern sich laut protestierend über die Stadt verteilt haben. Wir rätseln darüber, warum so wenige gekommen sind. Wir wissen es nicht.

Greifswald in Grau

Greifswald in Grau, wieder zurück zum Normalzustand. Vorgestern noch: Sommer! Hitze! Der Weg zum Strand nur möglich durch Aufent-Halte in tiefgekühlten Supermärkten und Eiscafés. Heißer Sand, die See jedoch: 15 Grad. Eine unerträgliche Situation. Die Sonne treibt dich ins Wasser, aber kaum hast du eine Zehenspitze drin, willst du wieder raus. Ab in den Kiefernwald, da gibt es wenigstens Schatten. Und heute: Ah, ou sont les neiges d'antan, möchte man rufen, wenn's nicht so unpassend wäre.