30.11.05

Sang- und klanglos?

Ja, alle Achtung, in Greifswald singt und klingt es an jeder Ecke. Zuerst der beachtliche Jazzabend, der in diesem Blog schon seine verdiente Wuerdigung gefunden hat, dann der standup-Beitrag zwischen Supermarkt-Regalen und nun feiert auch noch die lokale Britpop-Band � Morning Rain � �berregionale Erfolge ? der zweite Platz beim L�nderwettstreit in Magdeburg! Mit dem weiblichen Part dieser Truppe verbringe ich taeglich mehrere Stunden Ruecken an Ruecken im Buero und weiss daher, wie �berraschend es f�r sie bereits war, dass sie zur Meck-Pomm-Vertretung gekuert wurden. Denn bei den lokalen Bandwettbewerben wurden sie bisher oft unverstaendlicher Weise uebergangen. Aber es ist ja schon seit altersher bekannt, dass der Prophet im eignen Land nichts gilt. Eine besonders passendes Bild f�r die Unerwartetheit des Auftritts auf gro�er Buehne: die Kabel waren zu kurz und sie mussten noch in letzter Minute einige Meter dazu kaufen!

Die Bescheidenheit, mit der die Gruppe auf den Erfolg reagiert hat, ist f�r mich mal wieder ein Beispiel f�r einen sehr typischen Charakterzug der Vorpommern ? unbeirrt sein Ding machen, wenn`s anderen gef�llt, schoen, wenn nicht, dann hat`s uns wenigstens Spass gemacht.

Diese trostlosen Tage

Diese trostlosen Tage in feuchtem Grau: lichtlos lautlos. Nur die Trinker, die vor dem Plus stehen, plaudern fröhlich. Etwas später klingen ihre Stimmen durch den Supermarkt. Gesang, Gesprächsfetzen. Mein Vater war Berliner, mein Ur...vater Polizeihauptkommissar von Berlin. Was soll man da machen, das ist schwierig. Übergangslos zum Lied: Der schönste Platz ist der an der Theke. Ach und die Angela Merkel, die jetzt, wie meine Frau die heißt Marianne .... er bricht in Lachen aus ...AUFHÖREN sind sie still sagt die Verkäuferin ... schade eigentlich, der Herr singt so schön, denke ich ... Ich bin ein ganz normaler Mensch sagt er und so sieht er auch aus – abgesehen davon dass er fröhlich ist in diesen trostlosen Tagen – ordentlich gekleidet, rasiert, graues Haar zu einem kleinen Pferdeschwanz gebunden, das Gesicht sieht nicht etwa verhauen aus, nur fröhlich ... vielleicht trinkt er noch nicht lange. Ich bin ein Musiker, sagt er mit seiner schönen Stimme, ein warmes Timbre hat sie, vielleicht ist er arbeitsloser Schlagersänger? Vielleicht trinkt er gar nicht, vielleicht hat er zu viel Prozac genommen – oder Extasy? Aber wird man da fröhlich? - , vielleicht hat er grade erst mit der Trinkerei angefangen, vielleicht macht er sich einfach lustig über den Rest der Welt ... uns

woanders

wie ist es eigentlich noch weiter im norden zu wohnen? ich frage mich das oft. anfangs finde ich den november sogar schön. diese traurige stimmung die alles um einen herum erfasst, dieser kontrast zum belebten (und belaubten) sommer hat seinen ganz eigenen charme. aber schon nach wenigen tagen zieht es einen mit nach unten. und wie würde es einem ergehen, in regionen wohnend, welche die sonne noch seltener und vor allem kürzer sehen? die temperaturen niederiger sind ... dafür der alkoholkonsum höher? ich kann es mir nicht vorstellen ... und hoffe bald mal wieder auf einen längeren stimmungsaufheller von oben.

und zum fischen im hohen norden. besser als der bevölkerte ryck-graben richtung wieck ist die mole (oder wie heißt das hier oben) im stralsunder hafen. ein männlein neben dem anderen, dazwischen die eine oder andere frau stehen sie einträchtig nebeneinander und warten auf die frutti di mare. comic like - wie hühner, hier oben besser "möwen", auf einer stange - ist es für einen außenstehenden nur schwer zu verstehen. aufgereihte dominosteine sehen ähnlich aus. hier würden sie alle ... platsch .. ins wasser fallen. WILL MAN JA NICHT, NE? man würde sich ja gerne mal mit dem einen, der anderen unterhalten - aber beim fischen darf man glaube ich nicht (laut) sprechen ... pssst ... schwimmen die fische sonst fort. na dann ...

... petri heil!

27.11.05

Kulinarisches

Der Vorpommer ist ein sehr naturverbundener Mensch und auf seinem Teller hat er am liebsten, was er selbst in der Natur gefunden hat : Kartoffeln, Pilze und Fisch.

Die Kartoffel ist hier das Grundnahrungsmittel schlechthin. Es gibt sie in allen Varianten zu jedem Essen und jeder Jahreszeit ? Salzkartoffel, Bratkartoffel, Stampfkartoffeln, Puree. Das kommt nicht von ungef?hr ? schlie?lich gilt das angrenzende Mecklenburg als das Kartoffel-Land und Vorpommern als die Kornkammer Deutschlands.

Das Pilzesammeln ist ein richtiger Volkssport. In Mark und Bein ist es den hier Verwurzelten ?bergegangen, Pfifferlinge und Champignons von Stockschw?mmchen und Bl?tterknollenpilzen zu unterscheiden. Aber nicht nur die akademische Unterscheidung der Kriechpflanzen im Waldboden f?llt ihnen leicht, sondern sie sind auch bestens informiert, wo welche wann zu finden sind. Jeder Vorpommern kennt seinen Geheimplatz, der strengstens vor Mitwissern gesch?tzt wird. Zum Sammeln zieht man sich tarnfarbene Kleidung an und duckt sich ins Geb?sch, sollte sich ein ahnungsloser Sonntagsspazierg?nger n?hern.

Der Fisch ist sowieso ein Muss bei einem Landstrich mit Meeresk?ste. Das ganze Jahr hindurch sieht man eisern am Ryck verharrende Herren ? und Buben. In Hochzeiten kann die gesamte Strecke vom Museumshafen bis nach Eledena mit ihnen ges?umt sein. Und jeder kommt mit mindestens drei Prachtexemplaren zur?ck. Eine Besonderheit gibt es im Mai : den Hornfisch ? ein l?nglicher hechtartiger Fisch mit langer Schnauze und ? gr?nen Gr?ten ! Ein Muss f?r jeden Touristen.

Hin und wieder taucht die vergangene sozialistische Br?derschaft auf dem Speiseplan wieder auf, sp?testens dann wenn ich mich in der Mensa zwischen Leipziger Allerlei oder Balkangem?se entscheiden muss. Dieser Entscheidungskonflikt ist vorallem dann besonders unangenehm, wenn ich ordentlich ? Knast ? habe.

Und schlie?lich seien auch folgende Spezialit?ten nicht unerw?hnt :

Letscho, Gr?tzwurst, Tollatsch, Salzgurken

Guten Appetit !

26.11.05

Café Koeppen

Im Café Koeppen lässt sich’s gut leben bei einem Café Amaretto, da kann es draußen dunkeln und frieren wie es will. Da lässt sich‘s schön sprechen mit zufälligen TischgenossInnen oder den Damen und Herren (meist Damen) am Tresen, oder auch schweigend lesen und schmökern in Zeitungen und Büchern, ganz wie es gefällt. Junge sprechen mit Älteren, wie überhaupt hier in dieser Stadt, da gibt es keine solchen unüberwindlichen Barrieren anscheinend wie in manchen westdeutschen oder altbundesrepublikanischen Städten oder wie man das nennen soll, da dünkelt’s nicht so.
Dem Café Koeppen sollen nicht mehr so viele Tage beschieden sein, wie ich lese und höre, da werden wir uns überlegen müssen, ob wir nichts tun können ..... denn wo sollen wir hin in Greifswald an den traurigen winterlichen Samstagspätnachmittagen in Zukunft? Wohin?

Wasseramseln

Die Wasseramseln
stehen frierend am Ryck – drei
Grazien aus Holz

25.11.05

Herzlich willkommen

Zugvogel und Bobolina,

Gesellschaft, und sei’s auch nur virtuelle, kann man gebrauchen in diesen dunklen Greifswalder Wintertagen. Weiß sind die Dächer und Wege wieder einmal, der feuchte Film auf den glatten Steinen fängt an zu frieren, der Wall liegt weiß und spiegelglatt. Eine gute Idee in der Tat, Kerzen anzuzünden und gemütlich im Warmen zu sitzen und sich angenehmen Dingen hinzugeben mit den Menschen, die man liebt. Lang genug sind die Nächte ja.

24.11.05

im Herzen der Stadt

Heute ist der 24. 11., noch ein Monat bis Heilig Abend, Weihnachten. Und schon ist emsiges Treiben auf dem Marktplatz. Der Weihnachtsmarkt wird zusammengeschraubt. Nicht gerade ein Wort, das einem beim Thema Advent gleich in den Sinn kommt, eher sanfter Kerzenschein und holdes Glockenspiel – aber nicht Eisenstangen, Blinklichter und Drehscheiben. Der Greifswalder Weihnachstmarkt ist eher ein Jahrmarkt, der sich eine rote Zipfelmütze mit weißem Bommel aufgesetzt hat, weil er aus Versehen in der falschen Jahreszeit aufgestanden ist. Was wohl der liebe Caspar David Friedrich dazu sagen würde ? Jetzt wo das Rathaus und seine Geschwister wieder so schön herausgeputzt worden sind, dass der Platz in altem Charme wie auf dem bekannten Friedrichschen Familienaquarell erstrahlt, muss er für vier Wochen unter der Last von mega coolen fun attractions ächzen. Da zünd ich mir doch lieber zuhaus ein paar Kerzen aus der ehemals Friedrichschen Seifensiederei an und lausche ob nicht aus dem Dom einige Töne der Probe des Unichors für das Weihnachtskonzert herüberklingen.
Na dann mal allen eine besinnliche Adventszeit !

23.11.05

die neue wenigkeit (?)

ja - es gibt noch andere greifswald gestrandete. allerdings kommt da die sehnsucht durch vergleich aus der mitte. und dennoch ist es hier oben enorm spannend. nicht jedem passiert es, an einer bushaltestelle stehend, voll unsicherheit, ob diese selten genutzte form der fortbewegung im greifswalder umland auch wirklich klappt, mehr als nur diese, an sich schon spannende situation zu erleben.

zuerst: ein auto hält. ein netter junger mann, dem dialekt nach aus dem osteuropäischen raum, senkt seine seitenscheibe. ob er hilfe braucht bei der navigation? nein - er würde mich gerne mitnehmen. ach wie süß ... naja - nein. "vielleicht kennenlernen?" - uff - unter anderen voraussetzungen vielleicht gerne, aber so ...

weiter: eine alte frau steht hilflos aussehend mitten auf der straße. zum glück kommt gerade kein auto. wenn sie da noch eine minute länger steht, werde ich sie wohl fragen, ob man ihr helfen kann. aber da läuft sie los und strebt die bank hinter mir im wartehäuschen an. sie wankt, wirkt unsicher - kann sie betrunken sein? alles ist denkbar. ich lasse sie.

der busfahrer kommt. er fährt an einer anderen stelle ab und will sichergehen, keinen vergessen zu haben. sehr souverän fragt er auch die alte dame, organisiert ihre antwort und stellt fest, dass sie mit ihm mitfahren könnte. wenn sie denn den weg zum bus schafft. natürlich hilft er ihr. und so erkennt auch er, dass etwas mit der frau nicht stimmt. fragen, keine antworten, wieder fragen "geht es ihnen gut?", "brauchen sie hilfe?" - der krankenwagen wird gerufen. nun verzögert sich die abfahrt. aber alles nicht so schlimm, hauptsache man hat hier alles richtig gemacht. tatü tata - die kommen echt mit blaulicht. krankenwagen UND notarztwagen. die frau wird mitgenommen, man kennt sie. der sohn ist ein arbeitskollege der sanitäter. im weggehen schnappt der busfahrer auf, dass da schon schlaganfälle waren. ein glück gab es diesen tollen busfahrer. jetzt erinnere ich mich auch, schon mal im fernsehen gehört zu haben, dass menschen mit schlaganfall oft wie betunken wirken. hoffen wir das beste für diese unbekannte frau.

fazit: da sage noch einer in greifswald wäre nichts los!! da fährt man einmal bus ...

21.11.05

Grenzenloses Ostseeblog

Bald wird dieses einsame Bloggen (na ja, abgesehen von Anna) ein Ende haben, andere Greifswaldgestrandete werden mitbloggen und irgenwann wird das hier vielleicht ein echtes grenzenloses Ostseeblog!
(Jetzt wären ein paar Ostsee-Sprachkenntnisse angebracht - leider nicht vorhanden, tja das grenzenlose Internet;)

Wetterbericht

Wilde Orchidee,
Wetterberichte im Blog deprimieren mich.

Regen

Regen. Grau. Feucht. Sehnsucht nach dem Süden.

Heute morgen

Heute morgen blauer Himmel, Sonne und ein wenig Wind, die gemeinsam begannen die Straßen zu trocknen, die Luft konnte man wieder einatmen ohne zu leiden, aber schon wieder bezieht sich der Himmel mit Grau, wo bleibt bloß der kräftige Ostseewind, der Wolken und Nebel wegblasen würde?
Das ist das Zeichen der Akklimatisierung: man vermisst den Wind, den man anfangs verfluchte wegen seiner außerordentlichen Frische.

20.11.05

Liquid Light

So warm der Jazz-Abend mit dem Adam Pieronczyk Trio war, so kühl war der heutige im Pommerschen Landesmuseum. Kühl in jedem Sinne: der als Konzertsaal deklarierte und verglaste Zwischengang kühl, die anwesenden Menschen kühl, die Musik ... gewissermaßen zeitgenössisch kühl, dennoch interessant, wie die Abende mit dem Ensemble Controverse es immer sind. Auch heute, immer noch Polenmarkt in Greifswald.

Die Musik kritisch zu würdigen, das müssen Berufenere als ich leisten. Vertonte Sprache heute, vielleicht deshalb mir so befremdlich. Nicht die Musik der Sprache wurde eingefangen scheint mir, sondern eine eigene Musik daraus gemacht.Wie Rilke wohl die Vertonung seiner ersten Elegie gefallen hätte? Seltsam fern von der Erde und von der Sprache schien die Musik Myron Silberstein, zeitlos, schwer zugänglich. Mehr will ich dazu nicht schreiben. Ichhoffe irgendwie in diesem Augenblick, dass nie jemand meine Gedichte vertonen wird .

Birger Petersen hingegen, mit seiner Überschreibung (requiem), erdnäher. Vielleicht weil er die alte Musik in die neue Zeit transportiert hat. Wie erklärte: ein altes, einst von einem Schüler (Molinet) als Requiem für seinen musikalischen Lehrer komponiertes Stück, immer wieder von Schülern, deren Lehrer starben, zum Angedenken der Lehrer neu arrangiert übertragen komponiert. Man müsste mehr von der alten und der zeitgenössischen Musik verstehen, um solche Kompositionen schätzen zu können.
Liquid Lights aber nun. Von der anwesenden Komponistin und Perkussionistin Marta Ptaszynska.

Liquid Light,ebenfalls eine Vertonung,von Gedichten der amerikanischen Dichterin Modene Duffy. Ein Liederzyklus für Mezzosopran, Klavier und Schlagzeug.
Und nicht zu glauben: man hörte die (Klang)Farben und das Licht, das Marta Ptaszynska in Modene Duffys Gedichten gefunden hat.
Man bemerkt selbst als Hobby-Hörerin die Liebe der Komponistin zu den Percussioninstrumenten, die Klangfarben zum Piano und zu der warmen Stimme (mit einem wunderbaren Timbre) der Mezzosopranistin hinzu malen. Da war alles drin, Wind und Farbe und Sterne und Meer und Licht. Unglaublich, man hörte die Mondstrahlen tanzen!

Es soll sich bei den Gedichten von Duffy um einen Gedichtzyklus handeln; bei jedem der vier Gedichte soll eine Farbpalette vorherrschen: vom dunklen Blau und Grün des Meeres, über den blassen lavendelfarbigen Glanz des Mondlichts und die rosa Töne einer Muschel bis hin zum leuchtenden Orange und Rot vonBlumen. Sagte die Komponistin. Schade, schade nur, dass kein einziger Artikel im Internet einen Link die Gedichte von Modene Duffy setzt, sie sind einfach nirgends im Web zu finden, so lange ich auch gesucht habe.
Na ja, ich hab sie ja wenigstens vertont gehört, die Worte rauschen aber zu schnell dahin!
Wer mehr wissen will, lese die professionelle Analyse von Prof. Dr. Maria Anna Harley, Los Angeles , die sagt, Liquid Light sei ein "originäres Beispiel für dreifache "Intertextualität", da hier Malerei, Poesie und Musik zusammenkommen".

Noch interessanter ist der Newsletter des Polish Music Reference CenterNewsletter (May 1999, Vol. 5, no. )

Da steht zum Beispiel: "Ptaszyńska unusual ability of hearing harmonic elements of the music (e.g. perfect fifths are "blue-green") and percussive timbres (e.g. the triangle sounds "sky-blue") differs from her precedessors described in literature of the subject (Skryabin, Rimsky-Korsakov, Messiaen). While experiencing an idiosyncratic set of harmonic colors she also hears/sees percussive textures and timbres as different hues seen "inwardly" upon hearing the sounds."
Tja, hätte man das vorher gewusst ... zeitgenössische Musik ist eben schwieriger zu zu hören als Jazz ... da scheint alles viel durchgeistigter und kontrollierter ... ohne Analyse ist da nichts - daher auch die Länge dieses Postings - aber auch wer nichts verstanden hat wie ich: allein für diese Mondlichtmusik, die das Puhblikum in ihr Silber getaucht hat, hat sich der Abend gelohnt!
mehr zur Koponistin bei der Presser Company.

dämmerung graublau

Gerade eben leuchtete noch ein Stück tiefblauer Himmel, und jetzt ist schon die Dämmerung herabgestiegen von da oben, sie wirft ihren matten Schleier über die Welt, das Licht macht sich davon auf die andere Seite der Welt.
So viele dunkle Stunden! Zeit zum Nachdenken, zum Beispiel über die vielen Dimensionen der Internet-Literatrur, solange bis einem schwindlig wird. Bis man fliegt im virtuellen Raum. Da ist es heller als draußen.
und in wenigen Stunden lockt sie wieder, die polnische Musik. Neue Kammermusik wird versprochen, "Liquid light". Das können wir gebrauchen in dieser Jahreszeit.

19.11.05

Polnische Jazzmagie: Pieronczyk

Leben gab’s gestern abend, Lesung mit Pawel Huelle, später Jazz mit dem Trio Adam Pieronczyk, Polenmarkt ist zur Zeit in Greifswald, eine Kulturwoche, die mit polnischer Musik, Literatur und Kunst dafür sorgen will, dass wir unseren Nachbarn aus dem Osten näher kommen. Es scheint zu gelingen. Man beginnt sich zu fragen: Was ist das für ein Land, aus dem so phantastische Musiker kommen wie Pieronczyk und Krzystof Dziedzic, ein einfühlsamer Schlagzeuger und Ed Schuller, der dritte Mann, ein phantasievoller Bass-Spieler kommt aus New York, also vielleicht müsste man da doch auch mal hin.

Was für ein wunderbarer Abend! Das Spiel Pieronczyks wird als kraftvoll und energetisch, sein Stil als kreativ bezeichnet, und dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. In der obigen Kombination führt die Musik direkt ins musikalische Nirwana, das Spiel ist so warm und wild und lebendig, dass es alles andere verschwinden lässt. Pieronczyk "verbrennt während seiner Improvisation und das Publikum mit ihm", schreibt die Gazeta Wyborcza, und so unrecht hat sie nicht, weil man sich nach dem Konzert fühlt wie ein Phönix, der wieder aus der Asche aufersteht. So stelle ich mir das jedenfalls vor. Wie neugeboren.

Jeder Ton eine Überraschung, der gemeinsame Klang des Trios eine polydimensionale Harmonie. Nicht glatt, sondern ein kompliziertes, ständig sich veränderndes, klangliches Netz. Diese Musik lässt sich nicht in Worten beschreiben, vor allem nicht mehr, wenn Pieronczyk zu einem archaischen Blasinstrument greift, war’s gestern eine Mizmar, war’s eine Gaitha oder etwas ganz Anderes – man verzeihe mir meine Unwissenheit -, wenn diese durchrdringenden Töne Körper und Raum füllen, wenn Ed Schuller seinem Bass mit einem Bogen unglaubliche Töne entlockt, wenn Dziedzic mit seinen Händen rythmische Strukturen hinein trommelt, da strömt der Klang durch uns hindurch, da werden wir eins mit dem Klang (diejenigen, die sich dem Klang hingeben, um genau zu sein), da scheinen andere Welten auf, in denen alles noch ursprünglich und frisch und prall mit Leben ist und voller Klarheit und Feuer .... eben jenes, das uns reinigt ....

Genug der Schwärmerei. Was man nicht beschreiben kann, darüber soll man schweigen. Wer die Gelegenheit hat, dieses Trio zu erleben, darf es unter keinen Umständen verpassen!

Rosagraues Wolkenspektakel

sehe grade, habe diesen eintrag gestern versehentlich nicht abgeschickt; nur also verspätet .....

Rosagraues Wolkenspektakel, zartblauer Himmel, goldener Sonnenuntergang. Klingt wunderbar, der Haken daran ist, dass das um 15.57 Uhr war. Jetzt, um 17:30 Uhr, ist schon lange tiefschwarze Nacht, Greifswald schickt sich an, in den Wochenendschlaf zu sinken, und man wünscht sich, Adam Pieronczyk möchte mit seinem Saxofon spielend durch die Straßen laufen und dieser Stadt Leben und Wärme einhauchen.

14.11.05

Hallo Anna

Hallo, Anna, auch wieder da? Ich dachte schon, du seist in einen der gläsernen Aufzüge gezogen oder in einer dieser modernen Kemenaten in den Bibliothekstiefschlaf gefallen.

Ich gehe auf der Seebrücke

Ich gehe auf der Seebrücke die schwebt ins Ungewisse in das Himmelhorizontwasser keine Grenze zwischen Meer und Luft ich gehe im Wind aber das ist kein Schiff das kommt. Rechts von dem Steg der Seebrücke im seichten Wasser ein rostiges dickes Rohr das aus der Meer sich an Land schlängelt, unidentifizierende Geräusche transportierend, geheime Botschaften aus dem Ungewissen vom Horizonte, auditive Zeichen vom Meeresboden oder vom Horizont, da ich sie nicht zu entziffern weiß – oder sollte es heißen: enthören? – die in diesem rostigen Rohr reisen bis sie weit hinten irgendwo auf dem Strand landen und dort vielleicht sichtbare Zeichen hinterlassen. Eine Weile lausche ich diesen Meer- und Horizontgeschichten, das Grollen des zornigen Meerkönigs vielleicht, vielmehr die Ausläufer des Grolls, wo wie es klingt ist er dabei sich beruhigen, nur ein wenig zornig ist der noch, weil dieSeejungfrauen wieder übermütig waren, weil sie keine Jungfrauen mehr sind, wobei der Fischschwanz: da fragt man sich doch.
Auch nach den Geräuschen habe ich später gefragt. Keine Botschaften aus dem Ungewissen, nicht vom Horizont, vom Meeresboden aber, keine Zeichen, sondern das Geräusch des Sandes und der kleinen Steinchen, die vom Meeresboden geholt und über das Rohr an Land transportiert werden, eine simple Rohrpost also, durch und durch materiell, um den Strand mit dem fehlenden Sand aufzuschütten, um die Dünen zu befestigen, um der Natur mit der per Technik aufgewühlten Natur nachzuhelfen, und hinterher so zu tun, als sei es immer schon so gewesen. Hier in Lubmin.

Schade eigentlich. Vielleicht hätte der Sand doch etwas zu erzählen? Die Mündlichkeit des Meeres. Ein schönes Seminar gäbe das.

12.11.05

Wie im Himmel

Wie im Himmel habe ich mich nicht grade gefühlt, als ich den gleichnamigen Film von Kay Pollack sah. Aber als der Soundtrack plötzlich abbrach, war das die Hölle. Denn der improvisierte Schlusschor klang nach Paradies. Wie haben die das hingekriegt? Warum sind eigentlich nicht alle aufgestanden im Kino und haben mitgesungen? Keine Sorge, es handelte sich nicht um das Deutschlandlied oder sonst eine vorgefertigte Hymne. Das heißt, eine Art Hymne war es schon: eine Haromonieindervielfalthymne, eine Art Glaubtandengroßentraumlied, so eine Art Menschenallervölkerkommtimherzenzusammenlied.

Aber ich greife vor. Im neuesten Pollack-Film kehrt ein berühmter Dirigent, Daniel Daréus, nach einem Herzinfarkt zurück in sein Heimatdorf, um, ja was: sich zurückzuziehen? sich auszuruhen? ein neues Leben zu beginnen? Als ob das so einfach wäre. Warum er ausgerechnet die alte Schule gekauft hat, um darin zu leben, wird nicht ganz klar, ist sie doch der Ort, an dem er damals so viel gelitten hat unter den andern Dorfkindern. Die haben den begabten Außenseiter, den kleinen Geiger, nicht verstanden und roh gequält, so lange, bis seine Mutter mit ihm das Dorf verließ.
Bemerkenswert die Kürze, mit der diese Vorgeschichte erzählt wird. Rationale Logik ist in diesem Fall ohnehin nicht gefragt. Pollack spielt auf der Klaviatur der Emotionen, denen man am Ende trotz kritischer Film-Betrachtung zum Opfer fällt.
Zunächst aber bleibt man kühl, schaudert beim Anblick des verschneiten Dorfes, der Kälte im Schulhaus, der Zurückhaltung des Helden. Überhaupt die Helden und Heldinnen in diesem Film. Daniel Dareus redet wenig, lauscht mit halboffenem Mund, beobachtet still, dabei etwas töricht wirkend, die lebenslustige Lena ist ein bisschen zu mollig und ein wenig zu sehr Gutmensch, der Pfarrer eine Spur zu viel von der Sünde besessen, der Trucker-Ehemann von Gabriella zu bilderbuchbrutal, ein wenig zu durchsichtig alles: schon in einer der ersten Szenen schlägt der Trucker brutal ein weißes Kaninchen tot, nachdem er es angeschossen hat; nur Minuten zuvor hatte der Dirigent das Kaninchen voll Freude fotografiert.
Daniel Daréus will nur seine Ruhe, aber die lassen ihm die DorfbewohnerInnen nicht. Letztendlich aber ist es sein eigenes Temperament, das ihn die Stelle des Kantors und Kirchenchorleiters annehmen lässt. Mit der ihm eigenen absoluten Passion, die ihn letztendlich zugrunde richtet, macht er sich an die Arbeit. Seine unkonventionellen Methoden brechen Gewohnheiten auf, entfalten ungeahnte Wirkungen bei den Chormitgliedern - und machen ihn beim strengen Pfarrer äußerst unbeliebt. Aber auch Daniel selbst durchläuft einen Lernprozess: Er lernt das Leben. Ausgerechnet jetzt.
Für ihn selbst und die ChormitgiederInnen wird der Chor zur Therapie und zum Katalysator. Allzu durchsichtig auch hier, sind alle Typen – oder sind es Klischees - vertreten: die Frustrierte, der Behinderte, der Fettleibige, der Umtriebige, die Alte, die gegen die Regeln des Dorfes verstoßende lebenslustige Lena. Und so fort. Die ganz normalen Helden des Alltags eben, die bisher wenig von Idealen wussten. Es entbehrt nicht der Komik, wie der Dirigent versucht, den Dörflern seine Ideale nahe zu bringen und darin immer wieder von den Gegebenheiten und Geräuschen des Alltags gestört wird. Aber am Ende verstehen nicht nur die SängerInnen, sondern auch wir Daniels Traum: Alles ist schon da, wir müssen es nur vom Himmel holen. Es genügt zu hören. Aufeinander zu hören. So findet jeder seinen Ton. Dann entsteht Musik, die die Herzen bewegt.

Das Setting ist, wenn man’s genau nimmt, geradezu genial: Der Dirigent bekommt seinen großen Traum erfüllt, bevor er gehen muss, und hat es damit geschafft, sich selbst überflüssig zu machen. Sein Chor hat tatsächlich gelernt zu hören, die Töne vom Himmel zu holen, die eigene Stimme zu finden und einen gemeinsamen Klang entstehen zu lassen, der zu den Herzen – zumindest der im Film Anwesenden – spricht und sie einstimmen lässt in dieses universelle, polyphone Lied. Und alles hat irgendwie mit Liebe zu tun. Das anarchisch-harmonische Klangfinale übertönt schließlich bei der Zuschauerin einen Moment lang alle Zweifel, ob dies nun Kitsch sei oder ein wunderbarer Film. Daniel Daréus möge weiterleben, wünscht man sich, damit man hingehen könnte heut abend zum Chor und er einem helfe, die eigene Stimme zu finden.

Ein wenig mehr Kühle bis zum Schluss hätte dem Film dennoch gut getan. Wer aber gerade in sentimentaler Laune ist, der lege denn Kopf getrost zurück in den Kinositz und überlasse sich den Emotionen. Katharsis.

lichtlose lemuren

Grade mal drei Uhr nachmittags und es beginnt schon einzudunkeln, sich einzunebeln, die Tage werden zu lichtlosen Lemuren, die sich ernähren von Seelenpartikeln.

10.11.05

nebel

Nebel. Ab und zu ein weißes Licht, das durch die Wolken bricht. Und wenig tröstlicher Code.

3.11.05

Dort steht noch der Sessel

Grausam wischt der Tod alles aus:
das Lächeln die Lust den Kummer.
Bei den Toten
Bei den Lebenden nicht

dort steht noch der Sessel
auf dem er jeden Abend ...
vielleicht wird er

nein er wird nie mehr kommen

vielleicht sitzt sein Geist

unwahrscheinlich die Existenz von Geistern
wurde wissenschaftlich nie bewiesen

ach könnten wir sprechen mit den Toten!

Ein paar Worte nur
Abschiedsworte die keiner gesagt hat
die Liebe die man nie genügend zeigte
Segenswünsche Fragen Trost

Es gibt keinen Trost für den Tod
nicht für jene die zurückbleiben
nicht für den der geht

Das Niemehr ist das Trauerkleid
die Grabmusik ist das Vorbei

Die Toten bevölkern
die inneren Welten
und sterben mit uns
ein zweites Mal

Es ist wichtig die Toten
zu feiner Asche zu verbrennen
damit wir nicht denken müssen:
von Würmern zerfressen erstickt
in der Erde im hölzernen Sarg

In Freiheit wollen wir
die Asche verstreuen
nicht einschließen in Urnen
die Erinnerung ist
ein besseres Grab