28.4.06

Für einen Morgen wie diesen

Für einen Morgen wie diesen lohnt es sich, die vielen nebligen oder regnerischen oder dunklen Tage durchzuhalten: dieser zarte blaue Himmel, dieses Honiglicht über der Stadt! Wie die zarten grünen Blättchen am Baum leuchten im leeren Schulhof, wie das Moos grün schimmert auf und zwischen dem Pflaster, wie hell die Fenster den Morgen spiegeln! Wir herrlich die Brötchen schmecken vom Bäcker Grätsch, als hätte er den luftigen Schaum der Morgenröte hineingebacken. Für einen Morgen wie diesen lohnt es sich, die anderen trüben auszuhalten, an einem Morgen wie diesem verliebt man sich ... in diesen wunderbaren Ort!
(Greifswald)

25.4.06


der frühling tobt sich grade woanders aus ...

23.4.06

Frühlingsspaziergang


Unter Baumgerippe
hat sich grüner Samt gebreitet
laue Luft zum Laufen lädt


Der Platz für ein Sonnenbad
in schon bereit
vielleicht bist du bis dahin
ja zu zweit?


Blaue Blume der Romantik
statt Trennungsschmerz und Sehnsuchtsnebel
jetzt Hoffnungsschimmer


Auf Astskeletten
Knospen sitzen
wo im Sommer
Vögel nisten


Orangene Pfeile
das Wasser durchpflügen
wo im Winter
die Eisschollen trieben

21.4.06

Der Apfel

Schon häufig ist mir eine ärmlich gekleidete Frau in gebückter Haltung aufgefallen, die offensichtlich verwirrt durch die Straßen streift und in den Mülleimern nach wie auch immer verwertbarem Material wühlt. Vorgestern ist sie mir sogar dreimal begegnet – einmal hat sie aus dem Papierkorb vor der Post Briefmarken gefischt und vorsichtig glatt gestrichen. Ihre Gestalt, die eine Mischung aus Elend, Zerbrechlichkeit und Liebenswürdigkeit verkörpert, weckt jedesmal Mitleid in mir.

Heute lief ich abends in Nieselregen mit vollen Einkaufstüten vom Supermarkt nach Hause. Da kommt sie mir wieder entgegen. Und wieder regte sich das Mitgefühl in mir. Da kam mir die Idee, ihr einen meiner gerade eben gekauften Äpfel zu schenken.

Ihre Antwort :
« Das ist aber nett von ihnen. Den werde ich jemandem mitbringen ! »

Unerwarteter hätte ihre Reaktion für mich nicht sein können. Die in meinen Augen Bedürftige gibt sogar noch ab und hat jemanden zu versorgen.

12.4.06

Aussortiert

Gedanken zum Bücherflohmarkt der Jugendselbsthilfe
im Wasserschlösschen

Die Aussortierten
sortieren Bücher
um ihr Leben mit Sinn zu füllen

Das Leben in Büchern
in Büchern leben
Bücher statt Leben?

kein Platz in der Gesellschaft
oder kein Platz in sich selbst?

immer auf der Suche nach
anderswo und anderswann


Ostsee-Blog

fruehlingspoesie?

während in greifswald und drumherum wasserschlösschen vor büchern überlaufen statt von wasser und der frinter statt frühling faul und fatal vor sich hin frettet, magnolienzaubert und kamelienleuchtet es woanders!
Ah, wie durch die tage sich schreibquälen und nächte alleinschlafen ohne schwermut??
nichts von geläute und veilchen, nichts kuckuckt und nachtigallt, gelogen ist das mit den frühlingsküssen, und schon gar nichts ist mit linden lüften.

vielleicht könnte man cummingslesen höchstens: you open always petal by petal myself as Spring opens oder Midang, So Chong-Ju :
Spring
Peach-flowers blossom, peach-flowers die, serpents wake, while over the west wind that brings emerald swallows, look, the sky, where ghosts dwell. The blood circulates well. . . if no sickness comes, my dear, then I must expect some sorrow, some sorrow.

oder man könnte andere blossoms and leaves , litauische, von Nijole Miliauskaite wortblühen lassen auf dem bildschirm und am ende nachlesen bei Arturas Valionis : how to defend oneself from the wind of recollections, zwar keine spur von frühling darin, aber angemessene lektüre irgendwie für einen ostsee-frinter-tag wie diesen.

4.4.06

bücherwinternest

na wo wohl ... du kennst meinen lieblingsort ... hab mir dort einen winterschlafeinzelcarrel (schreibt man das so?) gemietet. und herrlich geschlafen.

winternester

hey anna wo warst du? wo gibt's solche schönen winternester? da draußen wechselt grau mit blau mit grau und der frühling fällt vielleicht aus dieses jahr ich fürchte meine wurzeln sind vertrocknet und es wird nichts mehr mit dem blühen ...

mollig tollig

Wie kalt das ist! Liebe Wilde Orchidee, du hättest mich warnen sollen rechtzeitig, ich bin zu früh aus meinem Wintertraumschlaf zurückgekommen. Es war so mollig tollig warm in meinem winterbüchernest hätte ich doch weiter geruhtundratzt!

schneeflockenschauer

Schneeflockenschauer. Der Winter will und will nicht enden.

3.4.06

Übergänge



Wo früher mal der Herzschmerz
gesättigt wurde
kommt heute der Magen
auf seine Kosten



sogar den Litfaßsäulen
wird zur Verfeinerung
noch ein Käppchen aufgesetzt

Kalorien

Hefekringel und Waffelkäse
ein Imbiss für 1 Zloti ist nie weit.


Milchbar und Cafés
laden zur Einkehr ein

maroder Charme




der Zahn der Zeit
läßt die zerbrechliche
Schönheit noch sanfter erscheinen

Vorboten

Zwischen Teer und Asphalt
blühendes Plastik
während wir auf den Frühling warten


Kazimierz



Vergangenheit und Gegenwart
tanzen in den Straßen
den Reigen der Hoffnung

Rätsel gelöst

Am Stromausfall und dem Lichterspektakel der gestrigen Nacht war offensichtlich ein explodierender Trafo im Umspannwerk schuld.
Man murmelt von einem Marder als Schuldigem.

Totale Finsternins in Greifswald

Plötzlich geht das Licht aus im Haus und draußen beginnt ein unerklärbares Flackern. Die Lichter in allen Häusern sind ausgegangen, dafür bietet der Himmel ein ungeheures Lichtspektakel, es ist taghell, wir sehen die Wolken ziehen dort oben und mittendrein blinkt es und blitzt und blinkt und blitzt und es will gar nicht mehr aufhören, ein gigantisches Leuchten ist das, während drunten in den Straßen und Häusern tiefste Finsternis herrscht um Mitternacht. Und dann Finsternis auch am Himmel, in der ganzen Stadt, und Angst.
Gedanken an die Zerbrechlickkeit der Zivilisation. Gedanken an den Weltuntergang. So wird es sein. Wie im Film. Und wir mittendrin. Doch eine Lüge, dass der Untergang hier 100 Jahre später kommt. Gedanken ans Atomkraftwerk. Geschlossen seit Jahren, gut. Und die Richtung dieses gigantischen Flackerns stimmt nicht: Lubmin liegt woanders. Chemiewerke haben wir auch keine. Wie schön, in einer Gegend ohne Industrie zu leben. Müssen wohl die Elektrizitätswerke gewesen sein.
Man erholt sich bei Kerzenlicht im Gespräch mit den übrigen Hausbewohnern.

Nur eine Stunde später wird Licht. Aufatmen. Dankbarkeit.